Impressum

gate gate pāragate pārasamgate bodhisvāhā


Gegangene, Gegangene, ans andere Ufer Gegangene, ins andere Ufer Eingegangene.. - Erleuchtung!.


Diesen Augenblick liebe ich,

der nun vorüber ist und von dem ich,

da er verging, fühlte,

daß er erst sein wird.

 

„Da die Liebe alles kann“, wagte der Dichter über sich hinaus zu sehnen.So begann seine Erfüllung und sein Leid.Die Liebe kann alles; die Liebe wagt alles; die Liebe ist nicht nur frei und zutraulich, sie ist auch erkühnt und voller Unternehmung, ich aber sehe einen Dichter, wie er zurückhaltend bleibt, wie er nicht wagt, die Augen aufzuheben und das Gesicht seiner Geliebten anzuschauen, wie er es schon für ein zu großes Glück hält, sich auch nur leise und entfernt zu nahen, ich sehe ihn seufzen und nicht sprechen, ich sehe ihn weinen ohne eine Aussicht auf Trost,


er gibt alles was er hat und alles was er ist und bringt es kaum über sich, ihr noch Worte zu schenken.


In den Nächten, da er entzündet brennt, da seine ganze Natur unermeßlich danach begehrt zu lieben, er nach Fragmenten von Gedichten ringt die nur ihr Gesicht zeichnen und er doch immer wieder einsehen wird, daß er den Gegenstand seiner Liebe nicht finden würde, solange sie, die ihn zu lieben meinte, empfänglich und nachgiebig ist.

Er sucht überall sein Einziges, den einzigen Gegenstand seiner Liebe, die einzige sichere Stütze seines versagenden Herzens, und er findet es nicht. „Wie denkst du dir das eigentlich Geliebte, daß du an meinem Herzen mit solcher Stärke ziehst und es so fest an dich nimmst und dann fortgehst, wenn ich's ganz und gar nicht erwarte. Was bist du grausam! Was für ein befremdliches Spiel treibst du mit dem Herzen, das dich liebt! Du ziehst mein Herz gewaltig an, du machst es gierig und unersättlich, du gewinnst mich für dich, du läßt mich anhänglich werden, du gibst dich mir auf tausend Arten, bis ich an dir so sehr beteiligt bin, daß ich nur noch nach dir trachte. Und im Moment, da mein Anteil so groß geworden ist, daß ich ihn nicht mehr zurücknehmen kann, ziehst du dich zurück, stiehlt sich fort und sucht mich furchtbar heim durch Entweichung und Entzug. Du legst selbst Hand an um mich zu entzünden, und siehst von weitem zu, und es rührt dich kaum. Bezaubert von deinem Wesen, band ich mich an dich und schloß mich in deinen Garten. Und du, sowie du die Liebe genügend befestigt siehst, ziehst  deine Hand zurück. Du gibst nicht mehr, das ist noch nichts, aber du nimmst nach und nach wieder fort, was du gegeben hast. Ich sehe von Zeit zu Zeit auf dein Bild, aus Furcht, meine Augen könnten mich betrogen haben, und ich gebe nicht auf und suche immer noch die, nach der mein Herz seufzt.“


Endlich erscheint sie selbst, aber wie ein Unbekannte. Sie gibt sich zu erkennen, vielleicht will sie seine ausgehungerte Liebe befriedigen. Ganz und gar nicht.

 „ 0 Gott, was für ein Geliebte, die ihrem Liebhaber nur erscheint, um ihm zu sagen, daß sie jetzt für lange Zeit geht. „Halte dich ab von mir, solange ich da bin, gedulde dich nach mit zu verlangen,  ich werde nicht mehr bei dir weilen, du wirst nun erst alle deine Kraft dafür nötig haben“.

 Könnte sie ihm nicht ebensogut sagen:

„Zehr dich auf, zerbrich dir das Herz in aussichtsloser Arbeit.“

 Zur Liebe so sprechen, heißt das nicht, sie zum Besten haben?


So macht er sich also auf und sucht und verzehrt sich und härmt sich und zerreißt sich das Herz mit der Schärfe seiner  Sehnsucht. Das ist der Moment, da die Liebe, betrogen um das, was sie begehrt, von Sinnen kommt und das gewöhnliche Leben nicht länger erträgt. Hingezogen und hingedrängt, vermag er nur wie eingemummt, sie in der Dunkelheit des Glaubens zu umarmen, und was er da umarmt, ist mehr ihr Schatten als ihr Leib. Was wird er tun? Wohin wird er sich wenden? Nichts, nichts bleibt ihm übrig, als unaufhörlich nach der Geliebten zu rufen:  „Kehre um, 0 meine Geliebte, kehre um. Ach, ich sah dich ja nur einen Augenblick. Kehr um, kehre wieder um. Daß ich dich nur noch einmal küsse“. Aber sie kehrt nicht um, sie ist taub für die verzweifelten Klagerufe eines Liebenden von solcher Leidenschaft.


Sollte ich nicht so zu meinem Dichter sprechen?

„Wenn dich die Liebe treibt, mein Dichter, mein Träumer, was fürchtest du denn?“


„Wage doch alles, unternimm doch was du willst. Denn die Liebe weiß nicht sich zu bescheiden, ihr Verlangen ist ihre Vorschrift, ihre Entzückung ist ihr Gesetz, sie hat kein Maß als ihr Übermaß. Sie hat Furcht vor nichts, als daß sie fürchten könnte, ihr Besitzrecht beruht in der Kühnheit, auf alles Anspruch zu machen, und in der Freiheit, alles zu versuchen“.


Aber freilich, ich weiß, diese Anrechte hat die Liebe nur unter der Voraussetzung, daß sie immer den rechten Weg geht. Wenn sie sich verlaufen hat, so muß sie auf weiten Umwegen zurückkommen und muß zittern und muß fernbleiben und weinen über ihre Verirrung und durch ihre Beschämung ihre Fehler versühnen.


So nahm ich Abschied.

Doch der Dichter wußte:


Was geschieht, ist immer schon geschehen.


Er wußte um die Gefährdung, er wußte um die Rettung und dennoch kannte er die Angst. Er wußte zu werden und er wußte zu sterben und erschrak doch zutiefst vor dem Tor, dessen Eingang schon wie Sterben war. So sehr liebte er sie bereits.


Ich hab das „Ich“ verlernt und weiß nur Wir.

Mit der Geliebten wurde ich zu zwein;

und aus uns beiden in die Welt hinein

und über alles Wesen wuchs das Wir.

Und weil wir alles sind, sind wir allein.


In einer Nacht in der ihr Körper vor Fieber glühte brannte tief ein Wir in ihren Herzen!


Aber immer wieder klangen in ihm die Worte des Abschieds, das ein liebendes Herz nicht aushält.


Was sagst du jetzt, du Dichter, deiner Liebsten? Beklagst du dich bei ihr, daß sie dich betrogen hat? „Nein, nein: sie betrügt mich nicht, oder, wenn sie mich betrügt, so ist das eine ganz eigene Art von Betrug.“ Denn sie knüpft dich inniger an sich, gerade in der Zeit, da alle unsere Sinne nichts wahrnehmen als Entfernung und Trennung. Wahrscheinlich muß die Liebe, solange diese Pilgerschaft dauert, so behandelt sein. Es ist nötig, daß sie sich nähre vom Glauben, daß sie lebe vom Hoffen, daß sie heranwachse unter dem tödlichen Im-Stich Gelassensein, unter den tödlichsten Entziehungen, denn sie soll ja nicht allein sterben, sie soll zugrunde gehen als unser Mysterium, ihr eigenes Brennen und Ausglühen soll ihr Martyrium sein und die Geliebte selbst ihr Abschied.


Der Geliebte seufzt immer, er sehnt sich immer, er schwindet fortwährend hin, er vergeht. Es gibt fast keinen Augenblick des Genießens für ihn. Immer: „Komm“. Immer: „Kehr um“. Er sagt fast nur: „Ich hab sie gesucht, ich hab sie gehalten, ein einziges Mal“. Und nie: „Ich halte sie fest, ich besitze sie“. Sie kam  wie in Sprüngen, wie ein Reh. Sie war da, er spricht, sie entflieht. Sie blickt herein, aber durch die Fenster. Sie zeigt sich, aber nur hinter Schleiern. Er findet die Freundin schlafend und will nicht, daß man sie wecke, aus Furcht, sie könnte zu sehr seine Gegenwart fühlen. Er hat sie gehalten, sagt er und er beteuert, daß er sie niemals lassen will, aber da ist sie schon fort. Sie kommt zurück, sie pocht an die Tür, sie drängt, daß man ihr öffne, er zögert eine Kleinigkeit, sie streckt die Hand durch einen Spalt, sie reicht etwas herein, eine Gabe, eine Gnade, und dieses Anrühren geht dem Geliebten bis ins Eingeweide. Außer sich springt er auf und läuft die Türe aufschließen. Die Geliebte ist schon ihres Weges. Er sieht sich um, es ist nichts mehr zu sehen: er sucht und kann nicht finden, er schreit, er ruft, niemand antwortet. So schnell geht die  Geliebte vorbei!

Zu deinem Dichter sprichst du: „Mach dir keine Sorgen, denn über ein kleines, so wirst du mich nicht sehen, und aber über ein kleines, so wirst du mich sehen„.


Und zu deinem Dichter sprichst du: „Über ein kleines, so wirst du mich nicht sehen, und aber über ein kleines, so wirst du mich sehen. „ Dieses Wort ist voll Milde und doch, wenn man zusieht, ist es ein grausames Wort. Weißt du, zu wem du sprichst, Geliebte? Machst du dir klar, das du zum Herzen sprichst, das in Liebe steht? Du rechnest, als ob das nichts wäre, mit Monaten der Entbehrung, und doch werden dem, der dich wirklich liebt, Momente zu Ewigkeiten.

Denn für ihn  bist du die Ewigkeit selbst, und wer vermag noch, nach Augenblicken zu rechnen, wenn er weiß, daß er in jedem Augenblick die ganze Ewigkeit verliert.

Und trotzdem sagst du: „Noch eine Weile“. Das ist wahrlich kein Trost. Das ist eher ein Hohn gegen die Liebe. Das heißt ihrer Leiden spotten und ein Spiel treiben mit ihrem Nicht mehr warten können und der äußersten Qual ihres unhaltbaren Zustands.

Ist es zu verwundern, daß die Liebe, da sie selbst noch im letzten Sehnen auf Abweisung stößt, in eine Art von Wahnsinn verfällt? Daß sie aller Gesellschaft flieht, daß sie abgelegene Orte aufsucht und sich dort gefällt im Anschauen von Gegenständen, die etwas Düsteres und Abgründiges an sich haben, weil sie in ihnen gleichsam die furchtbaren Abbilder der Verheerung erkennt, die das Entbehren des Ersehnten in ihr anrichtet. „Was anderes als dies hat mich in die Leeren jener gespenstischen Wüste getrieben und in die lautlose Furchtbarkeit der zwielichten Höhlen, in denen ich meinem Herz der Wut unserer verlassenen und aufgegebenen Liebe vorwarf?“

Du weißt, daß die Liebe Land und Einsamkeit liebt, weil sie dort irgendwie freier ist, das Getriebe der Geselligkeit, ja schon der Anblick der Menschen betäubt sie und lenkt sie ab. Deshalb sieht man die Liebenden nun Gärten atmen, die in Blüte sind, in Wäldern gehen hoch und weit und Blumen pflücken in ländlicher Einsamkeit.

 „Komm, mein Lieber“, sprach die Geliebte, „laß uns aufs Land hinausgehen und draußen bleiben“.  „Früh wollen wir aufstehen zu den Gärten gehen und sehen, ob die blaue Blume schon knospe, ob die Rosen aufgeblüht sind, ob die Blüten unserer Bäume knoten und uns Frucht versprechen“. Da ist unter diesen Worten keines, das nicht des Alleinseins Luft atmete und die Seligkeit ländlichen Daseins. Was es nun auch sei: ob die Liebe, in ihrem Freiheitsgefühl, die offene Landschaft liebt, weil sie dort größer hinausträumen und ihr stürmisches Verlangen glücklicher ausstrahlen kann, ob sie, lärmabgewandt, im Drang, zu sich selbst zu kommen, die entlegenen Orte aufsucht, die mit ihrer Stille und Einsamkeit ihr immer tätiges Nichtstun unterhalten, ob sonst irgendein Grund sie antreibt, die Ländlichkeit zu lieben, - soviel ist sicher:  Sie ist entzückt von ihr.

Aber es gibt von allen eine gewisse Liebe, die das Herz mit Wonne erfüllt: Ich meine die Liebe, die gerade anfängt. Sie ganz besonders liebt die Gärten, die Blumen, die gepflegten und gefälligen Ländereien, die, durch ihr lachendes Gesicht an ihrer Freude mitwirken.

Genau das Gegenteil ist jene andere Liebe, die außer sich ist und verzweifelt und zum Äußersten getrieben durch die Trennungen und die Entbehrungen, durch die verächtliche Verschmähung der Geliebten und durch ihre eigene Heftigkeit. Diese Liebe verlangt es nach den grauenvollen Orten, in denen sie, ihre trostlose Lage deutlich dargestellt sieht. So ruft  der  Geliebte nicht mehr aus Gärten und Wiesen zu ihr, sondern aus der Mitte der Felsberge und aus schrecklichen Einöden. „Steh auf und komme“, ruft er, „meine Freundin, meine Schöne,  ich bin in den Steinritzen, ich bin der Tiefe der Felslöcher, stehe inmitten der Wüste und an dem Rand der Abgründe.“ Solche Plätze sind die Zuflucht eines mißhandelten Liebenden in seiner Trostlosigkeit. Da erkennt er in allem das Bild seines  verlorenen Herzens, in dem sich Raserei und Verzweiflung, wie wilde reißende Tiere, teilen. In diesem Zustand der Liebe wird alles zu Schwere und Entsetzen, sogar die Tröstungen reizen ihn nur und bringen ihn noch mehr ins Unglück, denn alles, was nicht die Geliebte selbst ist, wird zu einer neuen Last und ist nicht zu ertragen.

Und in meiner Stille werde ich fragen:


„Liebe, wofür bist du denn eigentlich gemacht, war ich deiner würdig?“


Für das Schöne und für das Gute, für das Einige und für das Ganze, für die Wahrheit und für das Wesen und für die Quelle des Wesens: Und das alles, das ist Gott selbst. Ja, wäre ich immer gerade auf Gott zugegangen, ich würde alles wagen mit ihm, ich würde alles an ihm unternehmen.

Ich würde ohne Furcht alles beanspruchen und alles besitzen ohne Ausnahme.

Aber, Liebe, du hast dich verloren, verloren in meiner Verletztheit, verloren in meiner Angst, in meinem Schmerz, meiner Gebrochenheit, meiner ungelebten oder ungelösten Vergangenheit, meines begrenzten Ichs.

Wollte ich mich wirklich auf dich einlassen, verlassen, mit dir zusammen wachsen, zusammenwachsen? Meine Angst vor der Nähe, um meine Existenz, verliere ich nicht den Halt im Wald der Worte, im Sturm der Brandung, im Feuer des Verschmelzens mit dir, deiner Sehnsucht, deiner Entschlossenheit, du der so nahe am Rand gehst? Ertrinkt mein Großes in seinem Meer, oder könnte ich jemals seine Insel sein? Ist mein Weniges groß?

Darf er mich erkennen mit meinem getragenen Toden, meinen Abgründen, meiner Einzigartigkeit von Traum und Welt?

Genügt mir mein bisheriges Leid, meine Traurigkeit, mein Scheitern, meine Tode und schweren Zeiten eigentlich noch nicht? Was wird sein, wenn meine Faszination, die Inspiration vom Uns eines Tages verschwindet? Stürzen die Himmel, werde ich wieder gebrochen? Was dann? Welche inneren Bilder werden in mir durch unsere Begegnung reaktiviert und projiziert?

Kindheit, ungetane und unerlöste Kindheit, ich muß sie wohl  noch einmal und wirklich auf mich nehmen. Kann ich sein Gesicht, die Zärtlichkeit seiner Hände, die Flut seiner Gedichte noch sehen oder verzerren die Angstbilder der Kindheit, der Trennung, meine Wahrnehmung? Was sehe ich wirklich?

Ich werde mich der Frage stellen müssen: Was will die Angst von mir, was verschließt sie mir, was eröffnet sie mir? Welche Schatten werfe ich durch sie auf mich und in die Welt?

So nehme ich Abschied, bevor er erst einmal winkt, vielleicht geht ein Dichter oft leicht und seltsam in hohen Bäumen und nächtlichen Sternen. Ich werde ihm zuvorkommen, nicht mehr verströmen, nicht lieben, so kann mir kein Leid mehr geschehen. Ich werde ihn um Verzeihung bitten, aber ich weiß, sein Riß, sein tiefer Sprung wird weitergehen. Ich darf nicht fragen: „ Wie wird er es überstehen?“, werde nur an mich denken und gehen.

Vergessen, abgespalten habe ich, daß wahrlich nie sucht der Liebende, ohne von der Geliebten gesucht zu werden.


Ängstlich und  allein werde ich lernen loszulassen, werde mich aufrichten, meine Buße wird die Liebe verwandeln.


Die Liebe vereint, die Sünde trennt, aber die büßende Liebe hat etwas von beiden. Denn die büßende Liebe ist die Erkennende, die Reinigende, sie wandelt und heiligt. Ich stürzte zu ihm hin: das ist die Liebe; ich wagte nicht, ihm zu nahen: das ist die Sünde; ich trat mutig ein: das ist die Liebe; ich näherte mich in Angst und außer mir: das ist die Sünde; ich überflutete ihn mit Zärtlichkeit: das ist die Liebe; ich begoß ihn mit meinem Abschied: das ist die Sünde. Ich löste und vergeudete mich: das ist die Liebe; ich trocknete seine Tränen nicht: das ist die Sünde; ich war gierig: das ist die Liebe; ich wagte nichts zu begehren: das ist die Sünde. Aber ich weinte, aber ich seufzte, aber ich schaute auf, aber ich schwieg: das ist die Liebe und die Sünde in Einem.

Alle diese lieben Zärtlichkeiten, von denen ich mich nun zu entfernen scheine,  in meiner Angst, meinem Schmerz, meiner Überzeugung, vielleicht seiner nicht wert zu sein, - in einem geheimeren Sinne strebe ich sie an. Hingeworfen zu dem Geiste des Dichters, ganz beschäftigt mit mir und meiner Angst und ohne Mut, sein Gesicht auch nur anzuschauen, umarme ich ihn doch schon geistig innen im Herzen.


Mein Rückzug schenkt Freiheit!


Aber ich unterdrücke dieses Verlangen der Umarmung, das zu frei ist nach all meiner Unsicherheit, und indem ich es unterdrücke, gebe ich ihm ein anderes innigeres und köstlicheres Dasein. Dieses Verlangen, das die Demut aufhält, geht auf einem anderen Weg zu seinem Gegenstand hin.

Es nähert sich, indem es sich zurückzieht:

die Haft, die es sich auferlegt, schenkt ihm die Freiheit. So wunderbare und geheimnisvolle Schliche hat die büßende Liebe; sie rückt vor, wenn sie flieht, sie erreicht das Gut, das sie verfolgt, indem sie es gewissermaßen verwirft. Sie wagt nicht, dem Freund mit jener Freiheit der Geliebten zu sagen: „Komm, komm, Geliebter meines Herzens, komm schnell“, aber sie findet das Mittel, ihn auf eine andere Weise zu rufen, wenn sie spricht: „Gehe von mir, gehe von mir“.

Was für ein neues und unerhörtes Verfahren, einzuladen, indem man abstößt. Doch kaum anderst ist die Beziehung aufs Größte möglich als durch Abschluß in die von innen gegebene Welt. Ein Dichter wie er wird diese Sprache verstehen.


Er wird es wissen zu erkennen, daß man ihn sehr dringend suchen muß, um ihn so zurückzustoßen;

und dieses Begehren nach seinem Besitz, das sich ausdrückt durch das Gegenteil, wird ihm das Herz erneut brechen und alles Mitgefühl erregen, denn er sieht zugleich das Ungeduldige einer wahrhaft liebenden Seele und ihr geheimes Seufzen, das um so heftiger ist, je weniger es laut zu werden wagt, und den Zwang, den ihre Liebe sich antut, wenn sie, aus lauter Ehrfurcht, sich nicht offenbart. Es wird ihn drängen im Sinne jener Seele, die selbst nicht den Mut hat, ihn zu drängen, so sehr, daß er sie im Mitleiden der Gewalt, die sie an sich übt, überholt und, zuvorkommend, in der erwidernden Liebe versichert. „Ihr sind“, wird mein Dichter sagen: „alle Zweifel verziehen, denn sie schenkte der Liebe alle Freiheit.“

Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist: die Freiheit eines Lieben nicht zu vermehren.

Du siehst also, Bußliebe, wie stark dein Geheimtun, deine Verhaltung, dein Stillsein auf das Herz deines Dichters zu wirken vermochte.


Wenn ich nichts mehr begehre, werde ich alles erlangen, denn er war im Grunde meines Herzens und hörte dort alles, was ich sagte, und hörte noch besser, was zu sagen über mich hinausgeht.


Er wird es wissen, daß er, als er über sich hinausging und ich ihm wichtiger wurde als das Eigene, in meiner Abgeschiedenheit noch mehr er aus meiner Hand sein wirkliches Selbst empfangen wird.

Hat er nicht einen Herzschlag lang gewußt, daß es erst die kleinen gemeinsamen Erlebnisse gab und das man nur Trennung groß teilen kann und Abschiede? Und ist nicht der Tod nur ein Abschied?

Hat er nicht gewußt, daß all mein Erstarrtes, meine ungetane Kindheit, meine Zweifel aufbrechen mußten in der Hitze seiner Glut? Er, der mit den Winden geht, der das Bei-sich-sein und gleichzeitig die Ganzheit, die Sehnsucht nach dem Du, nach dem Göttlichen immerzu neu in Worte zu formen versucht. Er der mir seinen ganzen Fluß schenkte, er wird verstehen. Ich aber werde Prüfstein seiner Geduld und seines Wortes sein.


„Alles Fließen

will ich dir schenken,

meinen Fluß nach Süden

all mein Getragenes vom Anbeginn der Zeit

all mein Verwandeltes im Leid

die Frucht all meiner Blüten

an dich werde ich denken

wenn mein Fluß berührt die Ewigkeit.“


Denn sie hatten sich nicht gesucht, sie mußten sich finden und empfangen!


Nichts geht verloren, es wird nur verwandelt!


Wenn etwas uns fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber mit fortgenommen. Die Liebe aber will, daß wir uns wiederfinden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.


Verschließe sie ganz dicht

die kleinen Zeichen,

die Gebärde einer liebenden Hand.


Sie werden dir Reichtum sein

in deinem dunklen Land

mit ihnen kehre liebend heim!


Auch wenn der Kuß dich vergaß

füllt sich doch die andere Seite

nach des Schmerzes Übermaß

mit seltsam lichter Weite!


Da sie sich nun einschloß ganz und gar in die innerste Kammer ihrer Stille, noch wissend um ihren schmerzenden Verlust und schon wissend der kleinen Zeichen einer liebenden Hand, dort nahe am Rande des Vergessens,  begann sie allmählich staunend sich hinzugeben an einen, zwar immer noch befremdenden, aber dennoch bereits vertrauten Tod. So begann ihr Wesen über- und einzugehen in der Veränderung einer Sterbenden um zugleich die Intensität des Werdens einer Gebärenden  zu umfassen und sie lebte nahezu  in beiden und wurde beiden innig. Die büßende Liebe vereint, erlöst und heiligt,  erlöst Kindheit und tilgt die Schuld. Denn wenn wir unsere Geschichte verstehen und annehmen in ihrer Folgerichtigkeit und in ihrer Unausweichlichkeit, dann spüren wir, daß wir nicht anderst handeln konnten, daß wir unserem „So-sein“ gemäß gelebt haben und so zu unserm Schicksal wurden.


Die Wandlung der Nacht.


„Nirgends, Geliebte wird Welt sein als innen“.


 Unser Leben geht hin mit Verwandlung und immer geringer schwindet das Außen. Aber wo wir das Leben steigern, steigern wir auch seine Gefährdung. In der Steigerung, in der Gefährdung aber eröffnet sich der Grundschmerz, die Selbstdestruktivität der Entfremdung. Der Schutz ist nicht im Geschützsein sondern dort, wo wir unsere ganze Schutzlosigkeit mit einbeziehen.

So bewirkt jede rein erfahrene Erschütterung und jeder echt durchlebte Schmerz eine eigentümliche Befreiung.


In der Einsamkeit der dunklen Nacht, in der Verlassenheit, in der wahrhaften Abgeschiedenheit, zutiefst allein im Grunde ihres Herzens, wird die Entsunkene, die letztlich Verzweifelte  ihrer völlig los und ledig werden.


Ledig jeglicher Projektion auf das Du, ledig ihrer narzistischen Kränkungen, ledig der Kindheitsängste, ledig aller „ Ich-sollte“ Bilder.

Denn sie lebt die Verzweiflung, erahnt die Unmöglichkeit ihr Selbst zu mehren, nur der Geliebte vermag das, indem er sein Selbst übersteigt.


Noch konnte er nur die Linien ihrer Herzen hinaus und heim deuten, so hatte er sich bis zum Äußersten in der Zurückhaltung seiner Person und jedes Wortes, jeder Gestik zu bemühen.

Allein die Worte brannten in ihr:



Eines tut not


Ich liebe dich, so geh

und komme endlich an!


Und so sprach es zu mir: „Eines aber ist not.“

 

Läßt sich etwas ausdenken, was besser sichtbar macht, wie sehr dieses Eine not tut: das bittere Leidwesen derer, die sich verirrt haben unter der Menge? Ja sicher, lebendige Liebe, du einzig tust dem Menschen not; denn keiner weicht ab von dir und verlöre sich nicht, und es kehrt keiner zu dir zurück, der nicht grenzenlos und ohne Ende bereute, daß er imstande war, dich aufzugeben und etwas anderes zu verlangen. So ist in allen büßenden Seelen ein maßloses Bedürfnis, ihre Vergangenheit auszulöschen und abzuschaffen und allen Menschen Zeugnis zu geben, daß du allein not bist.


Diese geheiligten Worte: „Eines aber ist not“  bergen in ihrer Milde ein Feuer, das jedes Herz ausbrennt und darin alles Geschöpf zerstört, bis nur das Eine, gebieterisch, seinen Raum erfüllt und jeden andern Gedanken und jeden anderen Gegenstand verwirft. 0 Gott, wer vermöchte zu sagen, welchen ungeheuren Umsturz dieses Wort bewirkt? Es stürzt das Herz in eine Einsamkeit, in ein Arm-Sein, das keine Natur erträgt; denn dieses Eine ist tödlich durch seinen Herrscherwillen, der mit sich nicht handeln läßt, und der den Sinnen und dem Geist und allen Fähigkeiten der Seele alles entreißt, was ihnen gefällt. Die überfallene Seele, mitten in ihrem zerstörten Überfluß, schließt sich nun freilich mit unglaublicher Kraft an das eine Notwendige.


So sah es, da jenes Wort ergangen war, in meinem Herzen aus. Es fiel erst wie ein Blitzschlag hinein und warf alles um, was drinnen an Wünschen stand, und verzehrte das Ganze, so daß in dem Herzen nichts blieb, als die bloße Richtung nach dieses Wortes Ausgang. Dann zeigte es mir, der völlig verarmten, jenen einen notwendigen Gegenstand und packte es in seiner Mitte und hob es in ihn mitten hinein.

Und nun bin ich an dich gebunden, Herz über Herz, die innigste Stelle an die innigste Stelle.

Ohne Bindung binde ich dich mit meinem Haar.


Was sehe ich da, Liebe! In Wahrheit, ein wunderbares Schauspiel: Du bist in meiner Gefangenschaft und ich in der  Gefangenschaft der Liebe eines Dichters. Ich halte ihn mit meinem Munde und küßte ihn; er hält mich mit seinen Augen und übergoß mich mit seinen Tränen, ich hielt ihn mit meinen  Händen, er umfaßte mich.

Aber alles das hält nicht auf, dazu braucht es Ketten. Ich nahm mein Haar und band damit seine Füße.  Zärtlichste Ketten, die ich bereit hielt, um meinen Besieger zum Gefangenen zu machen! Keine Angst, der, der bekennt, daß er sein Herz mag binden lassen mit einem einzigen Haar seiner Geliebten, wie soll er seine Füße herausfinden aus dem Netz aller meiner Haare?

Aber vielleicht entkommt er doch, vielleicht kann er mit Leichtigkeit diese Fesseln zerreißen? Nein, nein, such nicht nach andern. Du mußt wissen, daß darin das Geniale der Liebe liegt: sie weigert sich nicht, gefangen zu sein, nur will sie zu gleicher Zeit auch ihre Freiheit haben. Das heißt, sie will gefangen sein nur durch ihren eigenen Willen. Sie will fesseln, die sich sanft anfühlen und zärtlich sind. Fesseln, die stark sind, nur weil man nicht daran denkt, sie zu brechen. Deine Haare reichen also aus, um ihn zu nehmen und festzuhalten, du könntest keine besseren Bande finden.



Du bindest mich

mit deinen Augen

bindest mich mit Gestalt

bindest mich durch Nähe

bindest mich

furchtbarer als Gewalt

und bist doch Freiheit im Abschied.


Weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.


Angst und Traurigkeit sind die Unkenntnisse der Liebe.


Ich werde in Tränen vergehen und bin nicht zu trösten darüber, daß ich so spät begonnen habe, zu lieben. Ich fange an zu fühlen, wessen mein Herz fähig ist, und es betrübt mich über die Maßen, solange schlecht mit der Liebe umgegangen zu sein. Ich gebe mir selbst die Schuld; meine Augen, die in einer Sintflut von Tränen ertrinken, meinem  Herzen, das ich mit meinem  Schluchzen zerreiße.

Wenn etwas mich trösten kann im Übermaß dieses Schmerzes, mich so spät an die Liebe verwendet zu haben, so ist es eine gewisse Freude, durch den Schmerz selbst die ihr angetane Schande auszugleichen und mein Herz wegzureißen um es ihm zu geben, im Beispiel gewissermaßen aufzeigend, was für ein Jammer es sei, nicht geliebt zu haben.

In der Lage also, dieses Du all meiner Liebe  gefunden zu haben, ruft ich sozusagen von überall, aus allen Verträgen, die Anteile meiner Liebe zurück, um sie meinem Einem zu widmen. Alles, was ich an Kraft habe, werde ich  zusammen raffen  mitten im Herzen, für  diesen  Liebhaber suche ich einen neuen Vorrat von Liebe, der sich nicht mehr aufbrauchen läßt.

„Geh, Herz, erschöpftes, müdes, das nie gefunden hat, groß, genug, um darin die unermeßliche Menge meiner Liebe unterzubringen, geh, ergieße dich in den Ozean, verliere dich im Unendlichen, laß dich einnehmen vom All.“ Da kommt in dem Herzen   eine Zärtlichkeit, eine Leidenschaft, die nur noch auf ihn anwendbar ist, die schmachtet, die nachgibt, die, indem sie sich gehen läßt, ihm nachgeht. Ich sterbe in jedem Augenblick und beginne in jedem Augenblick,  ein neues Leben, das ich gleich wieder aufopfere.

Ich gebe, ich vergeude alles: meinen Wohlgeruch, mein Haar, meine Tränen, meine Seufzer, mein Herz selbst. Es ist, als wollte ich mich erschöpfen mit meinem Geliebten, und dennoch fürchte ich mich wieder, mich zu erschöpfen, denn ich habe vor, zu geben ohne Ende.




So beginne ich zu lieben, einer Knospe gleich die sich zur Sonne öffnet!


Da es eine Eigenschaft der vertieften Liebe ist, daß sie gerecht und hellsehend macht, was gar nicht notwendig wäre, da ein Dichter wie Frühlingswind durch alle Räume geht, weiß von meinem Erblühen.

 

So wird meine Verschwendung ihm gegenüber grenzenlos, aber meine Gier ist es nicht weniger. Ich werde nicht genug bekomme nicht, ihn zu küssen, und er wird ein Augenmerk haben für den reißenden Hunger dieser unersättlichen Liebe. „Seitdem sie hereingekommen ist“, wird er sagen, „hat sie nicht aufgehört, mich zu küssen. „Seht: ich habe nicht aufgehört; da ist schon eine Unendlichkeit: meine Liebe hat noch andere.“ Aber unter allen diesen Unendlichkeiten gibt es nichts, was unendlicher ist und unerschöpfbarer als meine Tränen. Ich würde mich tot weinen und in meiner Trostlosigkeit, bis zur Verzweiflung gehen, sähe ich nicht in meiner Unfähigkeit einen Stoff, der sich verwenden läßt, die Geduld meines Geliebten zu feiern, sähe ich nicht zugleich in meiner Reue den Erfahrungsbeweis für jenes Wort, das der Geliebte, lange vorher zu meinen  Gunsten aussprach:


Eines tut not

zu lieben ohne Bild

immer nur überzufließen

und zu verwandeln.


Ich liebe dich, so geh

und komme endlich an!



Gott teilt sich nur mit, indem er sich verbirgt!


Von solcher Beschaffenheit ist die Liebe derer, die unterwegs sind. Gott teilt sich in ihr nur mit, indem er sich verbirgt; nicht um zu stillen, sondern um die Liebe zu reizen. Denn, solange diese Verbannung dauert, ist er niemals gegenwärtiger, als wenn er sich so weit zu entfernen scheint, daß man ihn aus dem Gesicht verliert, und nie ist seine Herrlichkeit stärker über uns, als wenn er sie nimmt und vernichtet, bis wir sie nicht mehr sehen.

So hat auch der Geliebte endlich an Erfahrungen verstanden, daß es Gott gefällt, sich zu geben, indem er sich entzieht, daß seine Fluchtversuche Lockungen sind, sein Wartenlassen eine Art Ungeduld, seine Absage Geschenke und seine Härten Zärtlichkeiten, sie hat eingesehen, daß sie ihn nie besser besaß, als da sie meinte, ihn zu verlieren.

Ihre Abschiede jedoch haben den Dichter eingeweiht in das Mysterium dieser Liebe im Exil, so daß er schließlich, erschöpft vom vielem Rufen, ihre Ausbrüche wieder aufnimmt mit den Worten: „Fliehe, meine Geliebte, fliehe nur.“ Nun will er, daß sie fliehe mit derselben Heftigkeit, mit der er  früher ihr Kommen gewünscht hat. „Kehr  um, meine Freundin,“ hieß es einst, „wie ein Reh.“ Und jetzt ruft er: „Fliehe, meine Geliebte, fliehe wie ein Reh.“

Welch wunderliches, unbegreifliches Benehmen des Dichters! Erst mit so viel Glut zu rufen:  „Kehr um, meine Freundin“ und dann plötzlich zu sagen: „Fliehe, meine Geliebte“, und ihren Füßen die Schnelligkeit von Rehen  zu wünschen, um ihre Flucht recht zu beschleunigen, ja zu übertreiben. Soll das Unbeständigkeit sein oder Ekel oder der Ausdruck verliebten Verdrusses? Nichts von alledem. Das ist eine von den wunderbaren Wirkungen des Liebesmysteriums. Er erkennt, daß seine Geliebte  sich während dieses Lebens gibt, indem sie flieht, indem sie sich verbirgt, indem sie sich geheimhält. So drängt er sie endlich, zu fliehen und das Wunderbarste ist, daß er es tut zu einer Zeit, da sie zärtlichere Liebkosungen für ihn hat als je vorher. „O du,“ ruft sie, „der du wohntest in den Gärten, unter den Blumen, bei den Früchten und im Sturm, im endlos blauen Himmel“. „Laß, laß deine Stimme mich hören“. Offenbar liegt ihr daran, irgendein zärtliches Wort zu vernehmen, und da bekommt sie zur Antwort, alles in allem: „Fliehe, meine Liebste, fliehe wie ein Reh so schnell“.

Nun liebt er seine Entbehrungen mehr als ihre  Gaben und Günste.

Und so sagt er: „Fliehe“. Denn hierin liegt die Erfüllung aller Geheimnisse der heiligen Liebe. Die Glühenden alle und alle die Hingerissenen gehen aus in dem Verlangen, alles zu verlieren.


Dichter, du hattest sie berührt und umarmt am Anfang deiner Liebe. Sowie es aber darauf ankommt, sich zu vollenden, wird sie zu dir vom Abschied sprechen. Dies ist der Verlauf, dies sind die Wendungen, dies ist die harte Herrschaft der  Liebe in deiner Zeit. Kommen wird der ewige Tag, doch davor wird uns gegeben sein, zu gehen und zu sehen, zu lieben und zu leiden um immer  inniger zu sterben.


Des Himmels Geschenk  wird

ein wolkenloses Weben sein

und das klare Licht

das von allen Knoten spricht

strömt in endloses Blau hinein.


Ich bin ganz davon erfüllt, daß das Leben und die Liebe jenes Mannes, des Dichter, des Gebrochenen, des Gehenden, des Sehenden eine von den großen Kräften ist, die auf mich wirken aus der Tiefe der Nacht. Sie erreichen mich, sie verwandeln mich, und es gibt Stellen in mir die ganz hell sind und still in dem Licht liegen, das von ihnen ausgeht.

Ich glaube, daß alles was wirklich geschieht ohne Todesfurcht ist, ich glaube das die Willen lange vergangener Menschen, daß die Bewegung mit der sie ihre Hand in einem gewissen bedeutungsvollen Augenblick öffneten, daß das Lächeln mit welchem sie an einem Fenster standen,

 - ich glaube das alle diese Erlebnisse von Einsamen in fortwährender Verwandlung in uns leben.


„Da die Liebe alles kann“, wagte der Dichter über sich hinaus zu sehnen.

So begann seine Erfüllung und sein Leid.


Die Liebe kann alles; die Liebe wagt alles; die Liebe ist nicht nur frei und zutraulich, sie ist auch erkühnt und voller Unternehmung, ich aber sehe einen Dichter, wie er zurückhaltend bleibt, wie er nicht wagt, die Augen aufzuheben und das Gesicht seiner Geliebten anzuschauen, wie er es schon für ein zu großes Glück hält, sich auch nur leise und entfernt zu nahen, ich sehe ihn seufzen und nicht sprechen, ich sehe ihn weinen ohne eine Aussicht auf Trost,


er gibt alles was er hat und alles was er ist

und bringt es kaum über sich, ihr noch Worte zu schenken.

In den Nächten, da er entzündet brennt, da seine ganze Natur unermeßlich danach begehrt zu lieben, er nach Fragmenten von Gedichten ringt die nur ihr Gesicht zeichnen und er doch immer wieder einsehen wird, daß er den Gegenstand seiner Liebe nicht finden würde, solange sie, die ihn zu lieben meinte, empfänglich und nachgiebig ist.

Er sucht überall sein Einziges, den ein­zigen Gegenstand seiner Liebe, die einzige sichere Stütze seines versagenden Herzens, und er findet es nicht. „Wie denkst du dir das eigentlich Geliebte, daß du an meinem Herzen mit solcher Stärke ziehst und es so fest an dich nimmst und dann fortgehst, wenn ich's ganz und gar nicht erwarte. Was bist du grausam! Was für ein be­fremdliches Spiel treibst du mit dem Her­zen, das dich liebt! Du ziehst mein Herz gewaltig an, du machst es gierig und unersättlich, du gewinnst mich für dich, du läßt mich anhänglich werden, du gibst dich mir auf tausend Arten, bis ich an dir so sehr beteiligt bin, daß ich nur noch nach dir trachte. Und im Moment, da mein Anteil so groß geworden ist, daß ich ihn nicht mehr zurücknehmen kann, ziehst du dich zurück, stiehlt sich fort und sucht mich furchtbar heim durch Ent­weichung und Entzug. Du legst selbst Hand an um mich zu entzünden, und siehst von weitem zu, und es rührt dich kaum. Bezaubert von deinem Wesen, band ich mich an dich und schloß mich in deinen Garten. Und du, sowie du die Liebe ge­nügend befestigt siehst, ziehst  deine Hand zurück. Du gibst nicht mehr, das ist noch nichts, aber du nimmst nach und nach wieder fort, was du gegeben hast. Ich sehe von Zeit zu Zeit auf dein Bild, aus Furcht, meine Augen könnten mich betrogen haben, und ich gebe nicht auf und suche immer noch die, nach der mein Herz seufzt.“


Endlich erscheint sie selbst, aber wie ein Unbekannte. Sie gibt sich zu erkennen, vielleicht will sie seine ausgehungerte Liebe befriedigen. Ganz und gar nicht. „ 0 Gott, was für ein Geliebte, die ihrem Liebhaber nur erscheint, um ihm zu sagen, daß sie jetzt für lange Zeit geht. „Halte dich ab von mir, solange ich da bin, gedulde dich nach mit zu verlangen,  ich werde nicht mehr bei dir weilen, du wirst nun erst alle deine Kraft dafür nötig haben“. Könnte sie ihm nicht ebensogut sagen: „Zehr dich auf, zerbrich dir das Herz in aussichtsloser Arbeit.“ Zur Liebe so sprechen, heißt das nicht, sie zum Besten haben?

 So macht er sich also auf und sucht und verzehrt sich und härmt sich und zerreißt sich das Herz mit der Schärfe seiner  Sehnsucht. Das ist der Moment, da die Liebe, betrogen um das, was sie begehrt, von Sinnen kommt und das gewöhnliche Leben nicht länger er­trägt. Hingezogen und hingedrängt, ver­mag er nur wie einge­mummt, sie in der Dunkelheit des Glaubens zu umarmen, und was er da umarmt, ist mehr ihr Schatten als ihr Leib. Was wird er tun? Wohin wird er sich wen­den? Nichts, nichts bleibt ihm übrig, als unaufhörlich nach der Geliebten zu rufen:  „Kehre um, 0 meine Geliebte, kehre um. Ach, ich sah dich ja nur einen Augenblick. Kehr um, kehre wieder um. Daß ich dich nur noch einmal küsse“. Aber sie kehrt nicht um, sie ist taub für die verzweifelten Klagerufe eines Liebenden von solcher Leidenschaft.


Sollte ich nicht so zu meinem Dichter sprechen?

„Wenn dich die Liebe treibt, mein Dichter, mein Träumer, was fürchtest du denn?“


„Wage doch alles, unternimm doch was du willst. Denn die Liebe weiß nicht sich zu bescheiden, ihr Verlangen ist ihre Vorschrift, ihre Ent­zückung ist ihr Gesetz, sie hat kein Maß als ihr Übermaß. Sie hat Furcht vor nichts, als daß sie fürchten könnte, ihr Besitzrecht beruht in der Kühnheit, auf alles An­spruch zu machen, und in der Freiheit, alles zu versuchen“.


Aber freilich, ich weiß,

diese Anrechte hat die Liebe nur unter der Voraussetzung, daß sie immer den rechten Weg geht. Wenn sie sich verlaufen hat, so muß sie auf wei­ten Umwegen zurückkommen und muß zittern und muß fernbleiben und weinen über ihre Verirrung und durch ihre Be­schämung ihre Fehler versühnen.


So nahm ich Abschied.

Doch der Dichter wußte: Was geschieht, ist immer schon geschehen.

Er wußte um die Gefährdung, er wußte um die Rettung und dennoch kannte er die Angst. Er wußte zu werden und er wußte zu sterben und erschrak doch zutiefst vor dem Tor, dessen Eingang schon wie Sterben war. So sehr liebte er sie bereits.


Ich hab das „Ich“ verlernt und weiß nur Wir.

Mit der Geliebten wurde ich zu zwein;

und aus uns beiden in die Welt hinein

und über alles Wesen wuchs das Wir.

Und weil wir alles sind, sind wir allein.


In einer Nacht in der ihr Körper vor Fieber glühte brannte tief ein Wir in ihren Herzen!


Aber immer wieder klangen in ihm die Worte des Abschieds, das ein liebendes Herz nicht aushält.


Was sagst du jetzt, du Dichter, deiner Liebsten? Beklagst du dich bei ihr, daß sie dich betrogen hat? „Nein, nein: sie betrügt mich nicht, oder, wenn sie mich betrügt, so ist das eine ganz eigene Art von Betrug.“ Denn sie knüpft dich inniger an sich, gerade in der Zeit, da alle unsere Sinne nichts wahrnehmen als Entfernung und Trennung. Wahrschein­lich muß die Liebe, solange diese Pilgerschaft dauert, so behandelt sein. Es ist nötig, daß sie sich nähre vom Glauben, daß sie lebe vom Hoffen, daß sie heranwachse unter dem tödlichen Im-Stich Gelassensein, unter den tödlichsten Ent­ziehungen, denn sie soll ja nicht allein sterben, sie soll zugrunde gehen als unser Mysterium, ihr eigenes Brennen und Ausglühen soll ihr Martyrium sein und die Geliebte selbst ihr Abschied.

Der Geliebte seufzt immer, er sehnt sich immer, er schwindet fortwährend hin, er vergeht. Es gibt fast keinen Augen­blick des Genießens für ihn. Immer: „Komm“. Immer: „Kehr um“. Er sagt fast nur: „Ich hab sie gesucht, ich hab sie gehalten, ein einziges Mal“. Und nie: „Ich halte sie fest, ich besitze sie“. Sie kam  wie in Sprüngen, wie ein Reh. Sie war da, er spricht, sie entflieht. Sie blickt herein, aber durch die Fenster. Sie zeigt sich, aber nur hinter Schleiern. Er findet die Freundin schlafend und will nicht, daß man sie wecke, aus Furcht, sie könnte zu sehr seine Gegenwart fühlen. Er hat sie gehalten, sagt er und er be­teuert, daß er sie niemals lassen will, aber da ist sie schon fort. Sie kommt zu­rück, sie pocht an die Tür, sie drängt, daß man ihr öffne, er zögert eine Kleinigkeit, sie streckt die Hand durch einen Spalt, sie reicht etwas herein, eine Gabe, eine Gnade, und dieses Anrühren geht dem Geliebten bis ins Eingeweide. Außer sich springt er auf und läuft die Türe aufschließen. Die Geliebte ist schon ihres Weges. Er sieht sich um, es ist nichts mehr zu sehen: er sucht und kann nicht finden, er schreit, er ruft, niemand antwortet. So schnell geht die  Geliebte vorbei!

Zu deinem Dichter sprichst du: „Mach dir keine Sorgen, denn über ein kleines, so wirst du mich nicht sehen, und aber über ein kleines, so wirst du mich sehen„.


Und zu deinem Dichter sprichst du: „Über ein kleines, so wirst du mich nicht sehen, und aber über ein kleines, so wirst du mich sehen. „ Dieses Wort ist voll Milde und doch, wenn man zusieht, ist es ein grau­sames Wort. Weißt du, zu wem du sprichst, Geliebte? Machst du dir klar, das du zum Herzen sprichst, das in Liebe steht? Du rechnest, als ob das nichts wäre, mit Monaten der Ent­behrung, und doch werden dem, der dich wirklich liebt, Momente zu Ewigkeiten.

Denn für ihn  bist du die Ewigkeit selbst, und wer vermag noch, nach Augenblicken zu rech­nen, wenn er weiß, daß er in jedem Augenblick die ganze Ewigkeit verliert.

Und trotzdem sagst du: „Noch eine Weile“. Das ist wahrlich kein Trost. Das ist eher ein Hohn gegen die Liebe. Das heißt ihrer Leiden spotten und ein Spiel treiben mit ihrem Nicht mehr warten können und der äußersten Qual ihres unhaltbaren Zu­stands.

Ist es zu verwundern, daß die Liebe, da sie selbst noch im letzten Sehnen auf Abweisung stößt, in eine Art von Wahnsinn verfällt? Daß sie aller Gesell­schaft flieht, daß sie abgelegene Orte aufsucht und sich dort gefällt im Anschauen von Gegenständen, die etwas Düsteres und Abgründiges an sich haben, weil sie in ihnen gleichsam die furchtbaren Abbilder der Verheerung erkennt, die das Entbehren des Ersehnten in ihr anrichtet. „Was ande­res als dies hat mich in die Leeren jener gespenstischen Wüste getrieben und in die lautlose Furchtbarkeit der zwielicht­en Höhlen, in denen ich meinem Herz der Wut unserer verlassenen und aufgegebenen Liebe vorwarf?“

Du weißt, daß die Liebe Land und Einsamkeit liebt, weil sie dort irgendwie freier ist, das Getriebe der Geselligkeit, ja schon der Anblick der Menschen betäubt sie und lenkt sie ab. Deshalb sieht man die Liebenden nun Gärten atmen, die in Blüte sind, in Wäldern gehen hoch und weit und Blumen pflücken in ländlicher Einsamkeit.

 „Komm, mein Lieber“, sprach die Geliebte, „laß uns aufs Land hinausgehen und draußen bleiben“.  „Früh wollen wir aufstehen zu den Gärten gehen und sehen, ob die blaue Blume schon knospe, ob die Rosen aufgeblüht sind, ob die Blüten unserer Bäume knoten und uns Frucht versprechen“. Da ist unter diesen Worten keines, das nicht des Alleinseins Luft atmete und die Seligkeit ländlichen Daseins. Was es nun auch sei: ob die Liebe, in ihrem Freiheitsgefühl, die offene Landschaft liebt, weil sie dort größer hinausträumen und ihr stürmisches Verlangen glücklicher aus­strahlen kann, ob sie, lärmabgewandt, im Drang, zu sich selbst zu kommen, die ent­legenen Orte aufsucht, die mit ihrer Stille und Einsamkeit ihr immer tätiges Nichts­tun unterhalten, ob sonst irgendein Grund sie antreibt, die Ländlichkeit zu lieben, - soviel ist sicher:  Sie ist entzückt von ihr.

Aber es gibt von allen eine gewisse Liebe, die das Herz mit Wonne erfüllt: Ich meine die Liebe, die gerade anfängt. Sie ganz besonders liebt die Gärten, die Blumen, die gepflegten und gefälligen Ländereien, die, durch ihr lachendes Gesicht an ihrer Freude mitwirken.

Genau das Gegenteil ist jene andere Liebe, die außer sich ist und ver­zweifelt und zum Äußersten getrieben durch die Trennungen und die Entbeh­rungen, durch die verächtliche Verschmähung der Geliebten und durch ihre eigene Heftigkeit. Diese Liebe verlangt es nach den grauenvollen Orten, in denen sie, ihre trostlose Lage deutlich dargestellt sieht. So ruft  der  Geliebte nicht mehr aus Gärten und Wiesen zu ihr, sondern aus der Mitte der Felsberge und aus schrecklichen Einöden. „Steh auf und komme“, ruft er, „meine Freundin, meine Schöne,  ich bin in den Steinritzen, ich bin der Tiefe der Felslöcher, stehe inmitten der Wüste und an dem Rand der Abgründe.“ Solche Plätze sind die Zuflucht eines mißhandelten Liebenden in seiner Trostlosigkeit. Da erkennt er in allem das Bild seines  verlorenen Herzens, in dem sich Raserei und Verzweiflung, wie wilde reißende Tiere, teilen. In diesem Zustand der Liebe wird alles zu Schwere und Ent­setzen, sogar die Tröstungen reizen ihn nur und bringen ihn noch mehr ins Unglück, denn alles, was nicht die Geliebte selbst ist, wird zu einer neuen Last und ist nicht zu ertragen.

Und in meiner Stille werde ich fragen:

„Liebe, wofür bist du denn eigentlich gemacht, war ich deiner würdig?“


Für das Schöne und für das Gute, für das Einige und für das Ganze, für die Wahrheit und für das Wesen und für die Quelle des Wesens: Und das alles, das ist Gott selbst. Ja, wäre ich immer gerade auf Gott zugegangen, ich würde alles wagen mit ihm, ich würde alles an ihm unternehmen.

Ich würde ohne Furcht alles beanspruchen und alles besitzen ohne Aus­nahme.

Aber, Liebe, du hast dich verloren, verloren in meiner Verletztheit, verloren in meiner Angst, in meinem Schmerz, meiner Gebrochenheit, meiner ungelebten oder ungelösten Vergangenheit, meines begrenzten Ichs.

Wollte ich mich wirklich auf dich einlassen, verlassen, mit dir zusammen wachsen, zusammenwachsen? Meine Angst vor der Nähe, um meine Existenz, verliere ich nicht den Halt im Wald der Worte, im Sturm der Brandung, im Feuer des Verschmelzens mit dir, deiner Sehnsucht, deiner Entschlossenheit, du der so nahe am Rand gehst? Ertrinkt mein Großes in seinem Meer, oder könnte ich jemals seine Insel sein? Ist mein Weniges groß?

Darf er mich erkennen mit meinem getragenen Toden, meinen Abgründen, meiner Einzigartigkeit von Traum und Welt?

Genügt mir mein bisheriges Leid, meine Traurigkeit, mein Scheitern, meine Tode und schweren Zeiten eigentlich noch nicht? Was wird sein, wenn meine Faszination, die Inspiration vom Uns eines Tages verschwindet? Stürzen die Himmel, werde ich wieder gebrochen? Was dann? Welche inneren Bilder werden in mir durch unsere Begegnung reaktiviert und projiziert?

Kindheit, ungetane und unerlöste Kindheit, ich muß sie wohl  noch einmal und wirklich auf mich nehmen. Kann ich sein Gesicht, die Zärtlichkeit seiner Hände, die Flut seiner Gedichte noch sehen oder verzerren die Angstbilder der Kindheit, der Trennung, meine Wahrnehmung? Was sehe ich wirklich?

Ich werde mich der Frage stellen müssen: Was will die Angst von mir, was verschließt sie mir, was eröffnet sie mir? Welche Schatten werfe ich durch sie auf mich und in die Welt?

So nehme ich Abschied, bevor er erst einmal winkt, vielleicht geht ein Dichter oft leicht und seltsam in hohen Bäumen und nächtlichen Sternen. Ich werde ihm zuvorkommen, nicht mehr verströmen, nicht lieben, so kann mir kein Leid mehr geschehen. Ich werde ihn um Verzeihung bitten, aber ich weiß, sein Riß, sein tiefer Sprung wird weitergehen. Ich darf nicht fragen: „ Wie wird er es überstehen?“, werde nur an mich denken und gehen.

Vergessen, abgespalten habe ich, daß wahrlich nie sucht der Liebende, ohne von der Geliebten gesucht zu werden.


Ängstlich und  allein werde ich lernen loszulassen, werde mich aufrichten, meine Buße wird die Liebe verwandeln.


Die Liebe vereint, die Sünde trennt, aber die büßende Liebe hat etwas von beiden. Denn die büßende Liebe ist die Erkennende, die Reinigende, sie wandelt und heiligt. Ich stürzte zu ihm hin: das ist die Liebe; ich wagte nicht, ihm zu nahen: das ist die Sünde; ich trat mutig ein: das ist die Liebe; ich näherte mich in Angst und außer mir: das ist die Sünde; ich überflutete ihn mit Zärtlichkeit: das ist die Liebe; ich begoß ihn mit meinem Abschied: das ist die Sünde. Ich löste und vergeudete mich: das ist die Liebe; ich trocknete seine Tränen nicht: das ist die Sünde; ich war gierig: das ist die Liebe; ich wagte nichts zu begehren: das ist die Sünde. Aber ich weinte, aber ich seufzte, aber ich schaute auf, aber ich schwieg: das ist die Liebe und die Sünde in Einem.

Alle diese lieben Zärtlich­keiten, von denen ich mich nun zu entfernen scheine,  in meiner Angst, meinem Schmerz, meiner Überzeugung, vielleicht seiner nicht wert zu sein, - in einem geheimeren Sinne strebe ich sie an. Hingeworfen zu dem Geiste des Dichters, ganz beschäftigt mit mir und meiner Angst und ohne Mut, sein Gesicht auch nur anzuschauen, umarme ich ihn doch schon geistig innen im Herzen.

Mein Rückzug schenkt Freiheit!


Aber ich unterdrücke dieses Ver­langen der Umarmung, das zu frei ist nach all meiner Unsicherheit, und indem ich es unterdrücke, gebe ich ihm ein anderes innigeres und köstlicheres Da­sein. Dieses Verlangen, das die Demut aufhält, geht auf einem anderen Weg zu seinem Gegenstand hin.

Es nähert sich, indem es sich zurückzieht:

die Haft, die es sich auferlegt, schenkt ihm die Frei­heit. So wunderbare und geheimnisvolle Schliche hat die büßende Liebe; sie rückt vor, wenn sie flieht, sie erreicht das Gut, das sie verfolgt, indem sie es gewisser­maßen verwirft. Sie wagt nicht, dem Freund mit jener Freiheit der Geliebten zu sagen: „Komm, komm, Geliebter meines Herzens, komm schnell“, aber sie findet das Mittel, ihn auf eine andere Weise zu rufen, wenn sie spricht: „Gehe von mir, gehe von mir“.

Was für ein neues und unerhörtes Verfahren, einzuladen, indem man abstößt. Doch kaum anderst ist die Beziehung aufs Größte möglich als durch Abschluß in die von innen gegebene Welt. Ein Dichter wie er wird diese Sprache verstehen.


Er wird es wissen zu erkennen, daß man ihn sehr dringend suchen muß, um ihn so zurückzustoßen;

und dieses Be­gehren nach seinem Besitz, das sich ausdrückt durch das Gegenteil, wird ihm das Herz erneut brechen und alles Mitgefühl erregen, denn er sieht zugleich das Ungeduldige einer wahrhaft liebenden Seele und ihr geheimes Seufzen, das um so heftiger ist, je weniger es laut zu werden wagt, und den Zwang, den ihre Liebe sich antut, wenn sie, aus lauter Ehr­furcht, sich nicht offenbart. Es wird ihn drängen im Sinne jener Seele, die selbst nicht den Mut hat, ihn zu drängen, so sehr, daß er sie im Mitleiden der Gewalt, die sie an sich übt, überholt und, zuvorkommend, in der erwidernden Liebe versichert. „Ihr sind“, wird mein Dichter sagen: „alle Zweifel verziehen, denn sie schenkte der Liebe alle Freiheit.“

Denn das ist Schuld, wenn irgendeines Schuld ist: die Freiheit eines Lieben nicht zu vermehren.

Du siehst also, Bußliebe, wie stark dein Geheimtun, deine Verhaltung, dein Stillsein auf das Herz deines Dichters zu wirken vermochte.


Wenn ich nichts mehr begehre, werde ich alles erlangen, denn er war im Grunde meines Herzens und hörte dort alles, was ich sagte, und hörte noch besser, was zu sagen über mich hinausgeht.


Er wird es wissen, daß er, als er über sich hinausging und ich ihm wichtiger wurde als das Eigene, in meiner Abgeschiedenheit noch mehr er aus meiner Hand sein wirkliches Selbst empfangen wird.

Hat er nicht einen Herzschlag lang gewußt, daß es erst die kleinen gemeinsamen Erlebnisse gab und das man nur Trennung groß teilen kann und Abschiede? Und ist nicht der Tod nur ein Abschied?

Hat er nicht gewußt, daß all mein Erstarrtes, meine ungetane Kindheit, meine Zweifel aufbrechen mußten in der Hitze seiner Glut? Er, der mit den Winden geht, der das Bei-sich-sein und gleichzeitig die Ganzheit, die Sehnsucht nach dem Du, nach dem Göttlichen immerzu neu in Worte zu formen versucht. Er der mir seinen ganzen Fluß schenkte, er wird verstehen. Ich aber werde Prüfstein seiner Geduld und seines Wortes sein.


„Alles Fließen

will ich dir schenken,

meinen Fluß nach Süden

all mein Getragenes vom Anbeginn der Zeit

all mein Verwandeltes im Leid

die Frucht all meiner Blüten

an dich werde ich denken

wenn mein Fluß berührt die Ewigkeit.“


Denn sie hatten sich nicht gesucht, sie mußten sich finden und empfangen!


Nichts geht verloren, es wird nur verwandelt!


Wenn etwas uns fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber mit fortgenommen. Die Liebe aber will, daß wir uns wiederfinden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz.


Verschließe sie ganz dicht

die kleinen Zeichen,

die Gebärde einer liebenden Hand.


Sie werden dir Reichtum sein

in deinem dunklen Land

mit ihnen kehre liebend heim!


Auch wenn der Kuß dich vergaß

füllt sich doch die andere Seite

nach des Schmerzes Übermaß

mit seltsam lichter Weite!


Da sie sich nun einschloß ganz und gar in die innerste Kammer ihrer Stille, noch wissend um ihren schmerzenden Verlust und schon wissend der kleinen Zeichen einer liebenden Hand, dort nahe am Rande des Vergessens,  begann sie allmählich staunend sich hinzugeben an einen, zwar immer noch befremdenden, aber dennoch bereits vertrauten Tod. So begann ihr Wesen über- und einzugehen in der Veränderung einer Sterbenden um zugleich die Intensität des Werdens einer Gebärenden  zu umfassen und sie lebte nahezu  in beiden und wurde beiden innig. Die büßende Liebe vereint, erlöst und heiligt,  erlöst Kindheit und tilgt die Schuld. Denn wenn wir unsere Geschichte verstehen und annehmen in ihrer Folgerichtigkeit und in ihrer Unausweichlichkeit, dann spüren wir, daß wir nicht anderst handeln konnten, daß wir unserem „So-sein“ gemäß gelebt haben und so zu unserm Schicksal wurden.

Die Wandlung der Nacht.


„Nirgends, Geliebte wird Welt sein als innen“. Unser Leben geht hin mit Verwandlung und immer geringer schwindet das Außen. Aber wo wir das Leben steigern, steigern wir auch seine Gefährdung. In der Steigerung, in der Gefährdung aber eröffnet sich der Grundschmerz, die Selbstdestruktivität der Entfremdung. Der Schutz ist nicht im Geschützsein sondern dort, wo wir unsere ganze Schutzlosigkeit mit einbeziehen.

So bewirkt jede rein erfahrene Erschütterung und jeder echt durchlebte Schmerz eine eigentümliche Befreiung.


In der Einsamkeit der dunklen Nacht, in der Verlassenheit, in der wahrhaften Abgeschiedenheit, zutiefst allein im Grunde ihres Herzens, wird die Entsunkene, die letztlich Verzweifelte  ihrer völlig los und ledig werden.


Ledig jeglicher Projektion auf das Du, ledig ihrer narzistischen Kränkungen, ledig der Kindheitsängste, ledig aller „ Ich-sollte“ Bilder.

Denn sie lebt die Verzweiflung, erahnt die Unmöglichkeit ihr Selbst zu mehren, nur der Geliebte vermag das, indem er sein Selbst übersteigt.


Noch konnte er nur die Linien ihrer Herzen hinaus und heim deuten, so hatte er sich bis zum Äußersten in der Zurückhaltung seiner Person und jedes Wortes, jeder Gestik zu bemühen.

Allein die Worte brannten in ihr:



Eines tut not


Ich liebe dich, so geh

und komme endlich an!




Und so sprach es zu mir: „Eines aber ist not.“

 

Läßt sich etwas ausdenken, was besser sichtbar macht, wie sehr dieses Eine not tut: das bittere Leidwesen derer, die sich verirrt haben unter der Menge? Ja sicher, lebendige Liebe, du einzig tust dem Menschen not; denn keiner weicht ab von dir und verlöre sich nicht, und es kehrt keiner zu dir zurück, der nicht grenzenlos und ohne Ende bereute, daß er imstande war, dich aufzugeben und etwas anderes zu verlangen. So ist in allen büßenden Seelen ein maßloses Bedürfnis, ihre Ver­gangenheit auszulöschen und abzuschaffen und allen Menschen Zeugnis zu geben, daß du allein not bist.


Diese geheiligten Worte: „Eines aber ist not“  bergen in ihrer Milde ein Feuer, das jedes Herz aus­brennt und darin alles Geschöpf zerstört, bis nur das Eine, gebieterisch, seinen Raum erfüllt und jeden andern Gedanken und jeden anderen Gegenstand verwirft. 0 Gott, wer vermöchte zu sagen, welchen ungeheuren Umsturz dieses Wort bewirkt? Es stürzt das Herz in eine Einsamkeit, in ein Arm-Sein, das keine Natur erträgt; denn dieses Eine ist tödlich durch seinen Herr­scherwillen, der mit sich nicht handeln läßt, und der den Sinnen und dem Geist und allen Fähigkeiten der Seele alles ent­reißt, was ihnen gefällt. Die überfallene Seele, mitten in ihrem zerstörten Überfluß, schließt sich nun freilich mit unglaublicher Kraft an das eine Notwendige.


So sah es, da jenes Wort ergangen war, in meinem Her­zen aus. Es fiel erst wie ein Blitzschlag hinein und warf alles um, was drinnen an Wünschen stand, und verzehrte das Ganze, so daß in dem Herzen nichts blieb, als die bloße Richtung nach dieses Wortes Ausgang. Dann zeigte es mir, der völlig verarmten, jenen einen notwendigen Gegenstand und packte es in seiner Mitte und hob es in ihn mitten hinein.

Und nun bin ich an dich gebunden, Herz über Herz, die innigste Stelle an die innigste Stelle.

Ohne Bindung binde ich dich mit meinem Haar.


Was sehe ich da, Liebe! In Wahrheit, ein wunderbares Schauspiel: Du bist in meiner Gefangenschaft und ich in der  Gefangenschaft der Liebe eines Dichters. Ich halte ihn mit meinem Munde und küßte ihn; er hält mich mit seinen Augen und übergoß mich mit seinen Tränen, ich hielt ihn mit meinen  Händen, er umfaßte mich.

Aber alles das hält nicht auf, dazu braucht es Ketten. Ich nahm mein Haar und band damit seine Füße.  Zärtlichste Ketten, die ich bereit hielt, um meinen Besieger zum Ge­fangenen zu machen! Keine Angst, der, der bekennt, daß er sein Herz mag binden lassen mit einem einzigen Haar seiner Geliebten, wie soll er seine Füße herausfinden aus dem Netz aller meiner Haare?

Aber vielleicht ent­kommt er doch, vielleicht kann er mit Leichtigkeit diese Fesseln zerreißen? Nein, nein, such nicht nach andern. Du mußt wissen, daß darin das Geniale der Liebe liegt: sie weigert sich nicht, gefangen zu sein, nur will sie zu gleicher Zeit auch ihre Freiheit haben. Das heißt, sie will ge­fangen sein nur durch ihren eigenen Wil­len. Sie will fesseln, die sich sanft anfühlen und zärtlich sind. Fesseln, die stark sind, nur weil man nicht daran denkt, sie zu brechen. Deine Haare reichen also aus, um ihn zu nehmen und festzuhalten, du könntest keine besseren Bande finden.



Du bindest mich

mit deinen Augen

bindest mich mit Gestalt

bindest mich durch Nähe

bindest mich

furchtbarer als Gewalt

und bist doch Freiheit im Abschied.


Weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.


Angst und Traurigkeit sind die Unkenntnisse der Liebe.


Ich werde in Tränen vergehen und bin nicht zu trösten darüber, daß ich so spät begonnen habe, zu lieben. Ich fange an zu fühlen, wessen mein Herz fähig ist, und es betrübt mich über die Maßen, solange schlecht mit der Liebe umgegangen zu sein. Ich gebe mir selbst die Schuld; meine Augen, die in einer Sintflut von Tränen ertrinken, meinem  Herzen, das ich mit meinem  Schluchzen zerreiße.

Wenn etwas mich trösten kann im Übermaß dieses Schmerzes, mich so spät an die Liebe ver­wendet zu haben, so ist es eine gewisse Freude, durch den Schmerz selbst die ihr angetane Schande auszugleichen und mein Herz wegzureißen um es ihm zu geben, im Beispiel gewisser­maßen aufzeigend, was für ein Jammer es sei, nicht geliebt zu haben.

In der Lage also, dieses Du all meiner Liebe  gefunden zu haben, ruft ich sozusagen von überall, aus allen Ver­trägen, die Anteile meiner Liebe zurück, um sie meinem Einem zu widmen. Alles, was ich an Kraft habe, werde ich  zusammen raffen  mitten im Herzen, für  diesen  Liebhaber suche ich einen neuen Vorrat von Liebe, der sich nicht mehr aufbrauchen läßt.

„Geh, Herz, erschöpftes, müdes, das nie gefunden hat, groß, genug, um darin die unermeßliche Menge meiner Liebe unterzubringen, geh, ergieße dich in den Ozean, verliere dich im Unendlichen, laß dich einnehmen vom All.“ Da kommt in dem Herzen   eine Zärtlichkeit, eine Leiden­schaft, die nur noch auf ihn anwendbar ist, die schmachtet, die nach­gibt, die, indem sie sich gehen läßt, ihm nachgeht. Ich sterbe in jedem Augenblick und beginne in jedem Augenblick,  ein neues Leben, das ich gleich wieder aufopfere.

Ich gebe, ich ver­geude alles: meinen Wohlgeruch, mein Haar, meine Tränen, meine Seufzer, mein Herz selbst. Es ist, als wollte ich mich erschöpfen mit meinem Geliebten, und dennoch fürchte ich mich wieder, mich zu erschöpfen, denn ich habe vor, zu geben ohne Ende.




So beginne ich zu lieben, einer Knospe gleich die sich zur Sonne öffnet!


Da es eine Eigenschaft der vertieften Liebe ist, daß sie gerecht und hellsehend macht, was gar nicht notwendig wäre, da ein Dichter wie Frühlingswind durch alle Räume geht, weiß von meinem Erblühen.

 

So wird meine Verschwendung ihm gegenüber grenzenlos, aber meine Gier ist es nicht weniger. Ich werde nicht genug be­komme nicht, ihn zu küssen, und er wird ein Augenmerk haben für den reißenden Hunger dieser unersätt­lichen Liebe. „Seitdem sie hereingekommen ist“, wird er sagen, „hat sie nicht aufgehört, mich zu küssen. „Seht: ich habe nicht aufgehört; da ist schon eine Unend­lichkeit: meine Liebe hat noch andere.“ Aber unter allen diesen Unendlichkeiten gibt es nichts, was unendlicher ist und uner­schöpfbarer als meine Tränen. Ich würde mich tot weinen und in meiner Trostlosigkeit, bis zur Verzweiflung gehen, sähe ich nicht in meiner Unfähigkeit einen Stoff, der sich verwenden läßt, die Geduld meines Geliebten zu feiern, sähe ich nicht zugleich in meiner Reue den Erfahrungsbeweis für jenes Wort, das der Geliebte, lange vorher zu meinen  Gunsten aussprach:


Eines tut not

zu lieben ohne Bild

immer nur überzufließen

und zu verwandeln.


Ich liebe dich, so geh

und komme endlich an!



Gott teilt sich nur mit, indem er sich verbirgt!


Von solcher Beschaffenheit ist die Liebe derer, die unterwegs sind. Gott teilt sich in ihr nur mit, indem er sich verbirgt; nicht um zu stillen, sondern um die Liebe zu reizen. Denn, solange diese Verbannung dauert, ist er niemals gegenwärtiger, als wenn er sich so weit zu entfernen scheint, daß man ihn aus dem Gesicht verliert, und nie ist seine Herrlichkeit stärker über uns, als wenn er sie nimmt und vernichtet, bis wir sie nicht mehr sehen.

So hat auch der Geliebte endlich an Erfahrungen verstanden, daß es Gott gefällt, sich zu geben, indem er sich entzieht, daß seine Fluchtversuche Lockungen sind, sein Wartenlassen eine Art Ungeduld, seine Absage Geschenke und seine Härten Zärt­lichkeiten, sie hat eingesehen, daß sie ihn nie besser besaß, als da sie meinte, ihn zu verlieren.

Ihre Abschiede jedoch haben den Dichter eingeweiht in das Mysterium dieser Liebe im Exil, so daß er schließlich, erschöpft vom vielem Rufen, ihre Ausbrüche wieder aufnimmt mit den Worten: „Fliehe, meine Geliebte, fliehe nur.“ Nun will er, daß sie fliehe mit derselben Heftigkeit, mit der er  früher ihr Kommen gewünscht hat. „Kehr  um, meine Freundin,“ hieß es einst, „wie ein Reh.“ Und jetzt ruft er: „Fliehe, meine Gelieb­te, fliehe wie ein Reh.“

Welch wunderliches, unbegreifliches Be­nehmen des Dichters! Erst mit so viel Glut zu rufen:  „Kehr um, meine Freundin“ und dann plötzlich zu sagen: „Fliehe, meine Geliebte“, und ihren Füßen die Schnellig­keit von Rehen  zu wünschen, um ihre Flucht recht zu beschleunigen, ja zu übertreiben. Soll das Unbeständig­keit sein oder Ekel oder der Ausdruck verliebten Verdrusses? Nichts von alledem. Das ist eine von den wunderbaren Wir­kungen des Liebesmysteriums. Er erkennt, daß seine Geliebte  sich während dieses Lebens gibt, indem sie flieht, indem sie sich verbirgt, indem sie sich geheimhält. So drängt er sie endlich, zu fliehen und das Wunderbarste ist, daß er es tut zu einer Zeit, da sie zärtlichere Liebkosungen für ihn hat als je vorher. „O du,“ ruft sie, „der du wohntest in den Gärten, unter den Blumen, bei den Früchten und im Sturm, im endlos blauen Himmel“. „Laß, laß deine Stimme mich hören“. Offenbar liegt ihr daran, irgendein zärtliches Wort zu vernehmen, und da bekommt sie zur Antwort, alles in allem: „Fliehe, meine Liebste, fliehe wie ein Reh so schnell“.

Nun liebt er seine Ent­behrungen mehr als ihre  Gaben und Günste.

Und so sagt er: „Fliehe“. Denn hierin liegt die Erfüllung aller Geheimnisse der heiligen Liebe. Die Glühenden alle und alle die Hingerissenen gehen aus in dem Verlangen, alles zu verlieren.


Dichter, du hattest sie berührt und umarmt am Anfang deiner Liebe. Sowie es aber darauf ankommt, sich zu vollenden, wird sie zu dir vom Abschied sprechen. Dies ist der Verlauf, dies sind die Wendungen, dies ist die harte Herrschaft der  Liebe in deiner Zeit. Kommen wird der ewige Tag, doch davor wird uns gegeben sein, zu gehen und zu sehen, zu lieben und zu leiden um immer  inniger zu sterben.


Des Himmels Geschenk  wird

ein wolkenloses Weben sein

und das klare Licht

das von allen Knoten spricht

strömt in endloses Blau hinein.


Ich bin ganz davon erfüllt, daß das Leben und die Liebe jenes Mannes, des Dichter, des Gebrochenen, des Gehenden, des Sehenden eine von den großen Kräften ist, die auf mich wirken aus der Tiefe der Nacht. Sie erreichen mich, sie verwandeln mich, und es gibt Stellen in mir die ganz hell sind und still in dem Licht liegen, das von ihnen ausgeht.

Ich glaube, daß alles was wirklich geschieht ohne Todesfurcht ist, ich glaube das die Willen lange vergangener Menschen, daß die Bewegung mit der sie ihre Hand in einem gewissen bedeutungsvollen Augenblick öffneten, daß das Lächeln mit welchem sie an einem Fenster standen,

 - ich glaube das alle diese Erlebnisse von Einsamen in fortwährender Verwandlung in uns leben.